…Amy Koppe, Inhaberin des Fairhandelsunternehmens Our Market
Amy, seit 2020 bezieht Our Market ausschließlich fair gehandelte Produkte aus Haiti. Wieso fokussiert ihr euch auf dieses Land?
Durch den Besuch einer Freundin 2008 in einem haitianischen Waisenhaus wurde deutlich, dass die dort lebenden Kinder, für die Adoptiveltern gesucht wurden, gar keine Waisen waren. Stattdessen hatten sie leibliche Eltern, die einfach aufgrund von Armut und Arbeitsplatzmangel nicht in der Lage waren, für sie zu sorgen. Die Eltern besuchten ihre Kinder regelmäßig -und wenn sie die finanziellen Mittel gehabt hätten, hätten sie ihre Kinder nie zur Adoption freigegeben! Diese Situation hat uns gezeigt, dass nicht die Suche nach Adoptiveltern, sondern faire und sichere Arbeitsplätze für die leiblichen Eltern der Schlüssel sein muss, um intakte Familien in Haiti zu erhalten. Daraus entstand die Idee, ein Kunsthandwerkzentrum zu gründen, das es den Eltern durch faire Löhne und sichere Arbeitsbedingungen ermöglicht, ihre Kinder bei sich zu behalten. 2020 wurde in Deutschland Our Market ins Leben gerufen, um weitere Arbeitsplätze zu schaffen und das Projekt auch während der Corona-Krise zu unterstützen.
Wie würdest du die aktuelle politische und soziale Lage in Haiti beschreiben?
In zwei Wörtern: gefährliches Chaos. Kriminelle Banden sind an der Macht und besonders in der Hauptstadt ist es gefährlich.
Was bedeutet das konkret für die Menschen vor Ort?
Gewalt, Obdachlosigkeit, Arbeitslosigkeit, Hunger und Angst sind an der Tagesordnung. Die Menschen sind angespannt, wissen nicht, wie es weitergehen soll. Kriegsähnliche Zustände herrschen im Land, aber vor allem in der Hauptstadt. Immer wieder kommt es zu Engpässen bei Kraftstoff, Lebensmitteln und anderem.
Menschen mit einem Arbeitsplatz kümmerten sich vor dieser Krise oft um neun weitere Personen, nun ist diese Zahl enorm gestiegen. Wir hören oft von den Mitarbeitern, dass sie nur einmal am Tag essen, damit mehr Menschen essen können. Wöchentlich werden ganze Viertel von den Banden niedergebrannt oder leergeräumt, sodass Obdachlosigkeit immer wieder ein Thema im Team ist.
Es ist gefährlich, zur Arbeit zu gehen, weil die Straßen selten sicher sind. Ohne Arbeit kann man sich und die Familie aber nicht ernähren. Das Kunsthandwerkerzentrum hat zwar ein Security-Team, aber das ist keine Garantie – auch bei uns wurden Patronen auf dem Hof gefunden. Mehrere Kunsthandwerker haben ihr Leben zu Hause und auf den Straßen in den letzten Jahren verloren. Die meisten Krankenhäuser und Ärzte gibt es nicht mehr. Am Anfang der Krise konnten wir Kunsthandwerker weiterhin bezahlen, auch wenn sie nicht zur Arbeit kommen konnten, aber Ersparnisse sind aufgebraucht und auch unsere Firmen (in den USA und in Deutschland) halten sich gerade noch über Wasser.
Wie funktioniert Fairer Handel in Haiti unter den aktuellen extrem schwierigen Bedingungen und was sind die größten Herausforderungen?
Das Wort „fair“ bedeutet in dieser Lage immer weniger – denn nichts ist dort fair. Wir bezahlen unsere Mitarbeiter in Dollar, was ihnen im Vergleich zum haitianischen Durchschnitt deutlich bessere Lebensbedingungen ermöglicht. Wir tun, was in unserer Macht steht, um faire Standards zu wahren. Dennoch bleibt es eine Herausforderung, denn die schwierigen Verhältnisse in Port-au-Prince setzen uns enge Grenzen: Eine Krankenversicherung für unsere Angestellten ist natürlich wünschenswert -derzeit aber schlichtweg nicht realisierbar. Auch die Sicherheit – sei es auf dem Weg zur Arbeit, am Arbeitsplatz oder zu Hause – können wir momentan trotz Sicherheitsdienst nicht garantieren. Menschen werden erschossen, Häuser der Mitarbeiter werden niedergebrannt. Der Krieg ist nicht fair und Kinder und Frauen leiden besonders. Ziel ist es also momentan vor allem, „einfach“ diese Krise zu überstehen. Danach können wir hoffentlich daran arbeiten, die Situation langfristig zu verbessern.
Wie gelingt es den Haitianer*innen, trotz dieser Herausforderungen ein (wirtschaftliches) Leben aufzubauen? Was gibt den Menschen Hoffnung?
Bestellungen geben Hoffnung, denn solange wir Arbeitsplätze sichern können, können die Mitarbeiter essen und ihre Familien am Leben halten. Man muss aber ganz klar sagen, dass es gerade nur um ein Überleben geht. Internationale Kräfte, die wirklich etwas an der Situation ändern würden, würden Hoffnung geben. Bevor die Banden unter Kontrolle gebracht werden, gibt es immer nur Halb-Hoffnungen.
Was bedeutet „Fairer Handel“ für die Handwerker*innen in Haiti konkret?
Vor der jetzigen Krise hatten wir Hunderte Geschichten von Eltern, die ihre Kinder behalten konnten. Viele Eltern konnten ihr eigenes Haus bauen und es sich leisten, die Kinder in die Schule zu schicken. Wir haben Familien lange begleitet und durften zusehen, wie manche Kinder später studieren konnten. Kranke Mitarbeiter haben sich medizinische Hilfe leisten können. Auch Zahn- und Augenarztbesuche waren möglich. Es war möglich zu sparen und auch in der Nachbarschaft Hilfe zu leisten. Wir hoffen, dass wir zu diesen Verhältnissen zurückkehren können.
Wie wählt ihr die Produkte aus, die ihr über Our Market anbietet?
Produkte werden aus den Sachen hergestellt, die man vor Ort bekommen kann. Ton, Papier und Ölfässer gibt es in Haiti. Farben werden aus den USA importiert. Uns war es wichtig, nachhaltige Produkte herzustellen, aber auch Produkte, die Teil der haitianischen Kultur sind. Kunst aus Ölfässern hat mittlerweile eine über 70-jährige Tradition in dem Land. Die ausgebildeten Metallarbeiter bekommen aber für ihre Kunstwerke viel mehr im Fairen Handel als sonst im üblichen Handel.
Wie kommen die Produkte zu euch?
Zurzeit werden kleine Transporter voller Produkte vorsichtig an ruhigen Tagen zum Hafen in Port-au-Prince gefahren. Von dort werden die Pakete in ein Schiff geladen und nach Miami gefahren. In Miami werden sie entladen und zum Lager von Papillon Marketplace in Titusville, Florida, gefahren. In dem Lager wird die Ware aufgeteilt und die Produkte für Europa kommen dann per Flugzeug zu uns. Einen bezahlbaren, direkten Transportweg von Haiti nach Europa gibt es gerade nicht für uns.
Wo kann man die Produkte kaufen?
Online unter www.OurMarket.de oder in der Hofer Str. 3a in Selbitz
Bild: L.Poliakova


