…Johanna Zschornack Referentin für das Themenfeld Wirtschaft und Menschenrechte sowie Teil der Geschäftsführung bei bremen.global

Johanna, Du arbeitest seit etwa fünf Jahren bei bremen.global (ehemals Bremer entwicklungspolitisches Netzwerk) im Bereich Wirtschaft und Menschenrechte – was hat dich persönlich zu diesem Themenfeld gebracht? 

Ich habe einige Jahre Bildungsarbeit in Schulen gemacht und dabei immer wieder auf die Bedeutung von Konsumentscheidungen hingewiesen. Doch langfristige und nachhaltige Veränderungen hin zu fairen Wertschöpfungsketten ohne Mensch und Umwelt zu schaden, darf nicht nur auf dem Rücken der Konsument:innen lasten. Sondern auch Unternehmen und Politik müssen ihren Beitrag leisten.
Nach meinem Studium hatte ich ein Praktikum bei einer NRO gemacht, deren Ziel es war, mit Unternehmen gemeinsam an deren Lieferketten zu arbeiten und zu sozial nachhaltigen Bedingungen beizutragen. Auch wenn das ein mühsamer Prozess ist, halte ich ihn für sehr wichtig. Daran erinnerte ich mich irgendwann wieder und entschied mich wieder im Bereich „Unternehmensverantwortung“ tätig sein zu wollen. Meines Erachtens braucht es zwar auch das laute Anprangern von Missständen in der Wirtschaft von Seiten der Zivilgesellschaft, aber es braucht eben auch die Kooperation, um Veränderungen von verschiedenen Seiten her voran zu treiben. Und genau dieser Aspekt hat mich an diesem Arbeitsbereich angesprochen.

Ein besonderer Schwerpunkt Deiner Arbeit liegt auf dem Thema „Arbeitsbedingungen in der Handelsschifffahrt“: Was sind aus deiner Sicht die drängendsten Probleme bei den Arbeitsbedingungen auf See?

Das drängendste und naheliegendste Problem ist die Unsichtbarkeit von Seeleuten. Seeleute arbeiten rund um die Uhr daran, dass Lieferketten funktionieren, dass nicht nur Luxusgüter transportiert werden, sondern auch Medikamente, Lebensmittel und andere lebenswichtige Güter. Bei der Betrachtung von Wertschöpfungsketten und der Wirtschaft werden sie jedoch meist nicht wahrgenommen. Aus dieser Situation folgt, dass es kaum Sprachrohre für die Missstände gibt, die in der internationalen Schifffahrt existieren. Wenn wenig Wissen vorhanden ist, wird wenig kritisch betrachtet oder nachgefragt. Wenn wenig Wissen vorhanden ist, fällt es schwerer Forderungen zu stellen und diese z.B. in politischen Räumen laut zu äußern.
70-90 Stunden Arbeit pro Woche, 9 Monate lang ohne einen einzigen Ruhe- oder Urlaubstag, fehlende Sozialleistungen, körperlich und seelisch herausfordernde Aufgaben an Bord, kaum Landgang, Isolation und vertragliche Abhängigkeiten … all das gehört zum Alltag von vielen Seeleuten und ist kaum bekannt. Auch wenn das Arbeitsumfeld auf hoher See weit entfernt zu sein scheint, ist es durch die transportierten Waren ganz nah mit unserem Leben verknüpft.

Was möchtest du in deiner Projektarbeit konkret verändern oder anstoßen? 

Auch wenn wir bereits seit vier Jahren zu diesem Thema arbeiten, sind wir weiterhin an dem Punkt, dass der Hauptfokus der Arbeit auf der Sensibilisierung und dem Aufmerksammachen der Leute auf das Thema liegt. Zum Beispiel haben wir eine Hafenrundfahrt entwickelt, die den Fokus auf die Seeleute legt. Es geht bei den Schiffstouren durch den Hafen also darum wie ein Arbeitsalltag von Seeleuten eigentlich aussieht, die die Waren nach Bremerhaven oder Bremen bringen. Menschen, die teilweise schon ihr ganzes Leben in Bremen oder Bremerhaven und damit mit einem Hafen vor der Nase, leben, erfahren so erstmals etwas über die Menschen, die ihre Waren um den Globus transportieren. Wir möchten einen Bezug vom Leben in Bremen – und das lässt sich dann auf jede andere Stadt und Region übertragen – zu den Seeleuten auf den internationalen Handelsschiffen herstellen und Handlungsmöglichkeiten aufzeigen.

Beim Diskussionsabend am 26.5. in Emden hast du selbst auf dem Podium gesessen – gab es einen Moment oder Beitrag, der dich besonders bewegt oder überrascht hat?

Es war toll unterschiedliche Stimmen auf dem Podium zu haben. Ich denke es wurde deutlich wie unterschiedlich Problemlagen wahrgenommen wurden – oder ob sie überhaupt als Probleme wahrgenommen werden. Ich denke z.B. dass die körperlich und seelisch anstrengende Schichtarbeit an Bord nicht damit gerechtfertigt werden kann, dass „die Seeleute so viel arbeiten möchten“, sondern dass Strukturen veränderbar sind, die ein gesünderes und menschenwürdiges Arbeiten an Bord ermöglichen. Mehr Arbeitskräfte an Bord würden z.B. Ruhephasen ermöglichen; Zeitpläne, in denen Landgang miteinberechnet wird, kosten mehr, bringen aber die Möglichkeit mit sich im Hafen tatsächlich von Bord gehen zu können. Meines Erachtens müssen Probleme und die Strukturen dahinter klar benannt werden, um dann gemeinsam nach Handlungsmöglichkeiten zu suchen. Nicht auf jedem Schiff sind die Bedingungen miserabel, aber wir können alle durch die global verbundenen Lieferketten an der Verbesserung der Bedingungen mitwirken.

Was können Politik, Unternehmen, aber auch Konsumentinnen und Konsumenten tun, um die Situation für Seeleute zu verbessern?

Die Seeleute in Diskussionen, Veranstaltungen und Debatten einbeziehen. Sie müssen hierfür nicht von Bord oder aus dem Hafen raus, sondern wenn über Lieferketten, gestörte Lieferketten, Angriffe auf Schiffe oder die verspäteten Lieferungen gesprochen wird, müssen die Seeleute mitgedacht werden. Wenn über gewaltsame Angriffe auf Schiffe berichtet wird, sollte nicht nur darüber gesprochen werden, dass nun Frachtraten steigen und Lieferzeiten sich verlängern. Sondern es muss auch gefragt werden, wie es den Seeleuten auf diesen Schiffen geht, ob sie psychologisch und medizinisch versorgt werden und ob ein Crew-Wechsel stattfinden kann. Unternehmen können sich beim Logistikunternehmen oder der Reederei erkundigen, unter welcher Flagge das Schiff fährt, das ihre Waren transportiert oder ob es einen Tarifvertrag für die Seeleute gibt und entsprechende Maßnahmen ergreifen. Politik kann sich nicht nur auf internationaler Ebene für eine Verbesserung der Arbeitsstandards einsetzen, sondern auch dafür sorgen, dass in Häfen sensibilisiert wird für Missstände, dass es Voraussetzungen gibt, die es Seeleuten niedrigschwellig ermöglichen Hilfsangebote und Freizeitangebote wahrzunehmen.
Und zu guter Letzt sind Informationsveranstaltungen für die breite Öffentlichkeit wie die am 26.05. in Emden ein wichtiges Element, um Raum für Information und Austausch zu geben.

Vielen Dank für das Gespräch!

Mehr Infos

Bildrechte: Johanna Zschornack